Schneider und die Chinesen: nichts zu holen

„ . . . vier Jahre später erstanden Chinesen den ehemaligen Fernseherhersteller Schneider, zogen das Know-how ab und verlagerten die Produktion.“ Bevor man so etwas (Süddeutsche Zeitung von heute, Wirtschaftsteil) schreibt, möchte man den Kollegen einmal einen Realitäts-Check empfehlen: Einfach mal in ein TV-Geschäft gehen und sehen, wie viele in China hergestellte Geräte mit dem Namen Schneider dort verkauft werden – genau genommen genau null. Danach wird es schon schwieriger, einen solchen Satz zu schreiben und das eigene Vorurteil aufrechtzuhalten, den Chinesen ginge es vor allem um den „Zugang zu unseren Märkten“ (als ob wir im Besitz eines Marktes wären).
Wenn das wirklich Ziel der Schneider-Übernahme durch TCL  aus China gewesen wäre, hätte man auch eine andere Firma kaufen können. Sich den Klotz einer TV-Herstellung in Türkheim ans Bein zu binden, wäre schon damals nicht sinnvoll gewesen, denn Schneider hatte keine nenneswerten Marktanteile. Und die Computer kamen von einem Lieferanten und wurden zusammen mit Amstrad (England) entworfen. Möglicherweise stammten sie sogar aus dem weiten Reich von TCL, der allerdings den Vertrieb noch vor den TV-Geräten einstellte. Viel Know-how zu übernehmen gab es jedenfalls nicht.
Anders bei den Fernsehern, deren Herstellung und Konstruktion wirklich „Made in Germany“ waren. Schneider gehörte hier eher ins untere Marktsegment, war jedenfalls nicht „premium“, wie man heute sagen würde. Know-how in der Herstellung war aber ebenfalls nicht vorhanden, denn man baute weder die Bildröhren noch die Elektronik-Komponenten selbst. Die kamen überwiegend von Thomson, ITT, später Micronas und Philips, wo man bei Abnahme einer ausreichend großen Stückzahl ein Referenz-Design umsonst geliefert bekam. Das hatte TCL natürlich nicht nötig, denn die Firma war damals schon ein in China führender Anbieter mit eigener, gut ausgelasteter Fertigung.
Große Wellen machte dagegen damals die Entwicklung eines „Laser-TV“, der aber in Wahrheit gar kein TV war, aber dennoch den Börsenkurs in die Höhe wachsen ließ. Es handelte sich dabei eher um einen Projektor mit Laser als Lichtquellen, dessen Entwicklung die DDR-Firma Jenoptik vorangetrieben hatte. Zuständig dafür war eine kleine Abteilung in Gera, wo es zeitweilig einen funktionsfähigen Rückprojektor (also eine Art Fernseher) gab. Daran jedoch hatte TCL kein Interesse, die Technik wurde ausgelagert und später an Jenoptik beziehungsweise Rheinmetall abgegeben. Das sagenumwobene Know-how bestend allerdings gerade mal in einem Patent zur Farbraumkonversion, die den Laser TV-tauglich macht, indem die Farbumfänge reduziert und heruntergerechnet werden.
Im der Rüstungsindustrie war das Interesse auf Flugsimulatoren beschränkt, mit denen man auch in einer bewegten Kapsel ein realistisches Bild projizieren kann. Dafür waren bis dahin schwergewichtige Dreiröhren-Beamer eingesetzt worden. Mit Laser-Technologie genügt dafür ein leichtes Glasfaserkabel, das die Lichtimpulse zum Projektionskopf überträgt. Wichtigstes Bauteil aber war der Laser in den drei Grundfarben, den Osram in Regensburg entwickeln sollte. Von Know-how „zum Abziehen“ also auch hier keine Spur.
Ähnliches galt für das größte Problem, den so genannten Speckle. Um dieses Glitzern, also die Interferenz des Laserstrahls mit sich selbst, zu unterdrücken, hatte Schneider angeblich sogar eine Lösung, obwohl der Effekt schon Sony zum Aufgeben dieser Entwicklung veranlasst hatte. Wirklich bewältigt ist das Problem aber bis heute nicht.
Lichtquellen und Scanner in ausreichender Geschwindigkeit gibt es inzwischen, allerdings noch nicht in Konsumer-freundlichen Preisklassen. Die Chinesen von TCL hatten daran aber kein Interesse, denn sie waren dran, im Joint Venture mit Thomson größter TV-Hersteller der Welt zu werden – sogar ohne eigene Röhrenfertigung. Das Engagement bei Schneider war danach eher hinderlich und wurde eingestellt.
So viel zum Thema Schneider und die Chinesen. Manchmal ist es doch hilfreich, erst einmal zu recherchieren, bevor man schreibt.
(27. 12. 2013)
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