Telefon: Der Draht zur Außenwelt

((Bild))Der Zweite von rechts, das war ich . . .

 

Es muss so Mitte der 80-er Jahre gewesen sein. Damals führten wir bei der Zeitschrift Motorrad (zu schreiben in Großbuchstaben, also MOTORRAD) ein neues Konzept ein. Daran war ich beteiligt, und zwar als Ressortleiter Aktuelles – so mein geplanter Job.

Neu war unter anderem, dass jedes Ressort einen eigenen Titel bekam. Es wurde also nicht einfach eine Nachrichtenseite gemacht, wie man das vorher und später erledigt hätte. Statt dessen war ein Ressort-Kopf vorgesehen, auch wenn die Leser erkennen konnten, dass es sich um Nachrichten-Seiten handelt. Der Kopf sollte, so damals die Überlegung, vorstellen, was im Folgenden passiert.

Auf den „Aktuell“-Seiten, so meine Idee, sollte neben dem Titel meine Telefon-Nummer stehen, aus zwei Gründen: Zur Demonstration unserer Offenheit und als Möglichkeit der einfachen Kontaktaufnahme (E-mail gab es damals noch nicht) beziehungsweise Information. Die Idee dazu stammte, das darf ich heute zugeben, aus der Nürnberger Abendzeitung, bei der sich sogar auf der ersten Seite das Telefon fand. Das hat mich damals schwer beeindruckt.

Unsere Kollegen aber waren skeptisch, als sie die ersten Entwürde sahen. „Willst Du das wirklich machen?“ oder „Du wirst ja nicht mehr zur Arbeit kommen“ waren noch die harmlosesten Reaktionen. Man muss dazu sagen, dass ein Telefongespräch damals mindestens 23 Pfennig kostete, teilweise wurde sogar innerhalb eines Ortes nach Zeit abgerechnet; wenn man an den Apparat gerufen wurde, war das immer etwas Besonderes. Es war wichtig, und es war dem Gegenüber sogar Geld wert.

Daher hatten viele Kollegen nicht gelernt, sich am Telefon kurz zu fassen. Selbst die Bitte galt als unhöflich – obwohl die Gegenseite meistens verständnisvoll reagiert, denn auch eine prominent platzierte Nummer anzurufen, gibt als eine Art Ruhestörung, die man ungern begeht. Entsprechend ungeschickt formulieren viele Leser am Telefon, was natürlich in der Redaktion schnell die Runde machte, etwa: „Ich hätte da gern mal ein Problem . . .“ oder „Haben Sie gerade Zeit?“

Im Großen und Ganzen aber muss man sagen, dass Leserkontakte immer sinnvoll sind, auch über den Apparat. Man erfährt etwas von den wirklichen Problemen der Leser, ihren Interessen, Sorgen und Meinungen. Und dass die Leser Zeit stehlen, das kann man wirklich so nicht sagen. Manchmal kommt ein Anruf wirklich ungelegen oder dauert einfach zu lange. Aber das ist mir in all den Jahren nicht oder nur selten passiert.

Aber anders herum ist es wirklich vorgekommen. So habe ich zum Beispiel von der Existenz eines damals noch namenslosen Tonsystems namens Iosono und der Vorstellung auf einer Veranstaltung in Ilmenau übers Telefon erfahren (siehe Blog-Meldung vom 20. 2. 2003, Link http://www.loehneysen.de/archiv/2003/neu02-2003.htm#187 ). Professor Brandenburg jedenfalls kennt mich heute noch.

Was ich dagegen nicht verstehe, das sind Kollegen, die ihre Telefonnummer hüten und geheimhalten. Man müsste doch eigentlich froh sein über jede Rückmeldung. Oder?

PS: Zum neuen Konzept von damals. Eines Tages bekamen wir einen Umschlag mit weißen Papierschnipseln, und ein Leser wollte den Kaufpreis zurück. Begründung: „Das habt Ihr zu bedrucken vergessen“ schrieb er dazu. Dabei war es nur eine Mittelspalte, die vom Konzept her weiß bleiben sollte, wenn sie nicht durch Bildtexte, Kästen-Elemente oder dergleichen gefüllt wurde.

Und weil jemand etwas vermisst hat: Hier meine Telefon-Nummer. 08727-910094. Aber fassen Sie sich kurz . . .

(20. 11. 2013)

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